„Logodesign kann sehr frustrierend sein“
Der deutsche Designer Daniel Becker definiert mit seinen originellen Methoden der automatisierten Visualisierung von Daten eine neue Designdisziplin. Im Interview mit 4c spricht er über das ästhetische Potenzial der Mathematik, die Goldgrube Barcode und die Fallstricke modernen Logodesigns.
Interview: Martin Schwarz


Der visualisierte Barcode eines Produkts
aus dem Hause Microsoft

So sieht ein Energydrink aus:
Red-Bull-Barcode, visualisiert
4c: Herr Becker, Sie haben eben den World Logo Design Award für eine Kreation von Ihnen bekommen, bei der ein Elefant mit einem Bein an der Decke klebt und darüber japanische Schriftzeichen platziert sind. Herzlichen Glückwunsch. Erzählen Sie mir doch, wie Sie auf dieses Logo gekommen sind und was es denn eigentlich darstellt.
Daniel Becker: Es handelt sich um ein Logo für ein japanisches Plattenlabel. Die japanischen Schriftzeichen bedeuten „Super Kraft“. Japaner nämlich entdecken derzeit die deutsche Sprache und alles, was deutsch klingt, wird dort dankbar aufgenommen. Es gibt dort ein Unternehmen, das deutsche Texte auf T-Shirts druckt. Das kann das Tageshoroskop sein oder sonst was. Auch wenn es falsch geschrieben ist, macht das nichts.
Wenn ein Plattenlabel ein Logo bestellt, das eher an einen Superkleber gemahnt, hatten Sie wohl ziemlich viele Freiheiten. So etwas ist dem Logodesigner eher selten gegönnt. Er kann sich meist nur an die Vorgaben des Auftraggebers halten, die Grenzen sind eng gesteckt. Wie beliebt ist die Kategorie Logodesign denn unter Kreativen?
Becker: Es gibt üblicherweise tatsächlich sehr viele Einschränkungen für Logodesigner. Daraus hat sich beinahe so etwas wie eine Subkultur gebildet: Viele sehr gute Logos werden von den Unternehmen nie verwendet, also gibt es schon Buchreihen wie „Los Logos“, in denen nicht verwendete Designs abgedruckt werden. Aber Sie haben schon recht: Wenn man Logodesign macht, hat man mit vielen Vorgaben zu kämpfen. Das kann recht frustrierend sein.
Daimler hat vor kurzem sein Logo umgestalten lassen. Herausgekommen ist, dass man diese 3-D-Anmutung beseitigt hat und nun wieder ein flächiges Logo verwendet. Macht so eine kosmetische Veränderung überhaupt Sinn?
Becker: Damit hebt sich das Unternehmen von den direkten Mitbewerbern ab. Seit Audi einmal mit dieser 3-D-Anmutung des Logos begonnen hat, sind viele andere Premiummarken ebenfalls auf diesen 3-D-Zug aufgesprungen. Jetzt ebbt diese Welle wieder ab, vielleicht wird auch bei BMW bald das Logo frei von dieser 3-D-Inszenierung. Die günstigeren Autohersteller, besonders aus Fernost, fangen jetzt erst mit 3 D an.
Warum haben sich die Premiummarken überhaupt einmal für diese 3-D-Schattierungen in ihren Logos entschieden?
Becker: Ganz einfach, weil so etwas immer etwas mehr Lärm macht. Außerdem war früher die Reproduzierbarkeit nicht so gegeben, das hat sich mit der Weiterentwicklung des PDF ganz rasch geändert. Aber dieser 3-D-Trend ist jetzt auch schon wieder vorbei.
Wann ist denn für ein Unternehmen der richtige Zeitpunkt für eine Logoanpassung?
Becker: Wahrscheinlich kommt es weniger auf das Wann, sondern auf das Wie an. Logoänderungen können sehr teuer sein und sie können gleichzeitig unglaublich schiefgehen und eine Marke beschädigen. Die Wäschemarke Triumph hatte früher mal ein wunderbar geschwungenes Logo, das sehr gut die Emotionalität der Marke symbolisiert hat. Jetzt ist daraus so ein technokratischer Schriftzug geworden. Dagegen gab es bei Philips einen sehr sanften Logo-Relaunch. Früher sah das bei Philips sehr martialisch aus, jetzt ist es etwas zurückhaltender. Das passt perfekt zum Zeitgeist.
Gar nicht zeitgeistig, aber vielleicht ein bisschen bahnbrechender sind Ihre Ideen zur Visualisierung von Informationen. Sie generieren Grafiken aus Barcodes oder gar den DNA-Informationen von Lebewesen. Wie kommt man denn als Grafiker drauf, sich mit der automatisierten und wenig kreativen Generierung von Grafiken zu befassen?
Becker: Sie haben schon recht: Der kreative Aspekt steht da nicht im Vordergrund. Aber als Designer sehe ich meine Aufgabe auch darin, Informationen grafisch so darzustellen, dass die Verständlichkeit von Informationen begünstigt wird. Und genau das tu ich mit diesen Projekten Barcode Plantage und Visual DNA.
Wie funktioniert denn nun Ihre Visualisierung des Gencodes?
Becker: Diese Gensequenzen sind nichts anderes als unglaublich lange Reihen unterschiedlicher Buchstaben. Wenn man sich das ansieht, ist es total nichtssagend. Das Ganze hat ja was Paradoxes: Jedes Lebewesen ist komplett unterschiedlich, der Code ist aber in diesen Buchstabenreihen so komplex, dass eigentlich der Unterschied verschwimmt. Es gibt da eigentlich zu viele Informationen. Aber dadurch, dass ich diese Buchstabenreihen in Grafiken umwandle, entstehen wirklich Bilder, die die Vielfalt des Lebens klar darstellen. Im Grunde baut der Server aus der Gensequenz diese Grafiken zusammen.
Und wozu soll man das brauchen können?
Becker: Tja, das ist eine gute Frage. Man könnte es etwa für Labors, die privat gentechnische Sequenzierungen anbieten, als Marketinginstrument brauchen. Der Kunde könnte, nachdem er seine Gensequenzen bekommen hat, ein Poster erhalten oder ein T-Shirt, auf dem ein kleiner Teil seines eigenen Gencodes abgebildet ist.
Da scheint mir ja die Barcode-Plantage kommerziell schon besser auszubeuten sein.
Becker: Es gibt eine Gesellschaft, die weltweit Barcodes an Unternehmen vertreibt. Diese Barcodes zu bekommen, ist nicht ganz billig. Aber langsam merken Unternehmen und auch die Barcode-Vertriebsgesellschaften, dass sie da auf einem großen Schatz sitzen. In Japan werden bald Handys auf den Markt kommen, die Barcodes lesen können. Der Konsument kriegt dann Informationen über das Produkt und wahrscheinlich auch Werbung auf sein Display. An diesen Trend kann man sich dranhängen. Denn ich habe ja beim Barcode das gleiche optische Problem wie bei der Gensache: Die Informationen sind so aufbereitet, dass ich optisch die Unterschiedlichkeit nicht begreifen kann.
Sie wollen in Ihrem neuesten Projekt die Ästhetik der Mathematik visualisieren. Woher kommt denn Ihr Interesse an so etwas?
Becker: Ich beschäftige mich derzeit mit dem Zufall. Denn Chaos und Ordnung spielen in der Mathematik eine große Rolle. Dafür entwickle ich Visualisierungen; momentan versuche ich es mit der Halbwertszeit von radioaktiven Stoffen. Diese Halbwertszeit ist ja sehr exakt bei den unterschiedlichen radioaktiven Stoffen, aber welches Atom nun genau wann zerfällt, erfuhr bisher keine Visualisierung. Vielleicht ändert sich das ja nun.
Danke für das Gespräch.
Daniel Becker
Erhielt den Preis des deutschen Art Directors Club für seine Visualisierungen.
Er ist einer der Keynote Speaker auf der Creative Printing-Konferenz am 19. März in Wien. Anmeldungen unter www.creative-printing.info.