Ausgabe 05/2010

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01.07.10 09:45

„Das wird niemand wegschmeißen“

Der aus Klagenfurt stammende und nun in München wirkende Designer Andreas Volleritsch hat das Neue Testament als Magazin neu gestaltet. Wie er sich mit typographischer Leichtigkeit durch einen schweren Stoff gekämpft hat, erzählt er im 4c-Gespräch.

Von Martin Schwarz

4c: Herr Volleritsch, Sie haben nun das Neue Testament in Magazinform veröffentlicht. Was treibt jemanden, der jahrelang Art Director von eher säkulärem Lesestoff wie der „Hör zu“ war, diesen eher holprigen Stoff optisch neu zu interpretieren?

Andreas Volleritsch: Ich habe natürlich wie jeder gelernte Österreicher einen gewissen religiösen Hintergrund. Aber das war gar nicht ausschlaggebend. Vieles, was man als Designer macht, wird mit einem Höllentempo produziert und dann landet es beim Leser ebenso schnell in der Rundablage. Bei diesem Projekt ist das anders: ich habe viele Freunde gefragt, was sie davon halten. Einige haben gesagt, sie lesen das Magazin zwar nicht, aber wegschmeißen wird es keiner. Das ist es: Wegschmeißen wird das Neue Testament eben niemand.

 

Kein Buch der Welt wurde so oft gedruckt wie die Bibel. Am Wort Gottes herrscht also zumindest in seiner gedruckten Entsprechung kein Mangel. Warum hat die Welt nun das Neue Testament als Magazin gebraucht?

Volleritsch: Oliver Wurm, der für die Redaktion zuständig war, und ich haben lange recherchiert, ob es so ein Projekt schon gibt. Gab es aber nicht. Unser Hauptanliegen war, den Inhalt in eine optisch lesbarere Form zu bringen. Sehen Sie, das Neue Testament ist inhaltlich ein spannendes Werk, aber man tut sich schwer, den Text zu lesen. Indem wir Magazin-elemente hineingebracht haben, kippt nun der Leser viel schneller in bestimmte sehr elementare Botschaften des Buchs. Wir haben durch Zitat-Ausblocker und die Wahl verschiedener Typographien bestimmte optische Anker gesetzt. Die fallen dem Leser sofort auf und er beginnt, rundherum zu lesen. Beim Neuen Testament ist das auch die richtige Zugangsweise, man muss das Buch nicht von vorn bis hinten lesen wie bei einem Roman.

 

Anders als beim klassischen Magazinmachen können Sie als Designer in dem Fall wohl auch nicht in Absprache mit den Autoren die Texte auf Länge bringen, weil es besser passen würde. Wie kommt man damit zurecht, wenn man gewohnt ist, dass die Produktion ein Zusammenspiel von Designern und Autoren ist?

Volleritsch: Ja, das war tatsächlich ein gewisses Problem. Eine Variabilität des Textes ist ja wirklich nicht gegeben. Ich konnte nicht fünf Zeilen da rauskürzen oder zehn Zeilen dort anfügen, nur damit ein bestimmtes graphisches Element oder ein Wechsel in der Typographie reinpassen. Die Autoren waren sozusagen auch nicht wirklich erreichbar. Deshalb hat alleine die Wahl der richtigen Typographie einige Anläufe gebraucht. In meinen ersten Versuchen waren einfach zu viele Textüberläufe drin. So ein Text darf nicht zu hektisch und unruhig werden. Schließlich habe ich mit einer Minion-Schrift den richtigen Font gefunden. Außerdem verwendet habe ich noch Universe und Clearface.

 

Es fällt aber doch auf, dass zuweilen am Ende eines Evangeliums die letzte Seite plötzlich mit einer Farbe hinterlegt und der Text viel größer gedruckt ist als auf den Seiten davor. Welche Botschaft wollen Sie uns da geben?

Volleritsch: Die Farben sind nach den liturgischen Vorgaben gewählt. Und wenn wir etwa bei den Evangelisten einige Zeilen sehr groß drucken, so betonen wir damit diesen Teil der Botschaft. Zu Beginn des Magazins steht auch das Wort Jesus ganz alleine auf einer Doppelseite. Wir wollten das so haben. Außerdem hat das einen ganz praktischen Zweck, mit den Schriftgrößen zu arbeiten: Die vier Evangelisten schreiben ja im Wesentlichen alle das Gleiche, das größte Brimborium wird um die Kreuzigung gemacht. Wir können aber nicht immer diese Kreuzigungspassage betonen. Dass alle vier das Gleiche schreiben, ist uns übrigens erst nach dem dritten Evangelisten so richtig aufgefallen.

 

Sie arbeiten auch mit ausgeblockten Zitaten. Haben Sie ausgewählt, was da typographisch betont wird?

Volleritsch: Ja, aber mit keinerlei theologischen Ansätzen, das würden wir uns gar nicht anmaßen. Wir haben ursprünglich mit einem Pfarrer geredet, den wir baten, die besonders wichtigen Stellen für uns auszuwählen. Der hat aber gesagt, für ihn ist alles wichtig. Also haben wir das selbst erledigt. Die Zitate, die wir ausgewählt haben für diese Ausblocker, sind meist irgendwo in der Erinnerung der Leser an ihre eigene Bibellektüre hängen geblieben. Nun stoßen sie in dem Magazin sofort drauf und beginnen durch die Kennzeichnung im Text selbst den Kontext zu verstehen.

 

Geht man mit besonderem Respekt an so ein Werk ran oder behandelt man es wie das Design für das Fernsehprogramm für die kommende Woche?

Volleritsch: Man geht mit Respekt ran. Aber weniger wegen der Inhaltlichkeit des Werks, sondern wegen des historischen Kontexts. Schließlich hat mit Gutenberg und dem Druck der Bibel ein neues Zeitalter begonnen.

 

Das wird’s in Ihrem Fall aber eher nicht spielen. Zu einem Magazin gehört ja im Idealfall, dass es öfter, vielleicht sogar regelmäßig erscheint. Da dürften Sie ein inhaltliches Nachschubproblem haben.

Volleritsch: Nein, so ist das nicht. Das Neue Testament ist fertig, stimmt schon. Aber es gibt ja noch das Alte Testament. Das ist doppelt so lang wie das Neue, deshalb werden wir es in zwei, vielleicht sogar drei Ausgaben aufteilen müssen. Danach denken wir daran, einige Sonderausgaben zu produzieren. Vielleicht werden junge Künstler diese Ausgaben gestalten.

 

Vermutlich wird es auch eine iPad-Ausgabe geben.

 

Volleritsch: Genau. Daran arbeiten wir auch schon.

 

Danke für das Gespräch.

 

 


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