Die mächtigsten Manager Österreichs

Sie kontrollieren Milliardenumsätze und treffen einander in Aufsichtsräten, Verbandssitzungen und Clubabenden. Sie führen tausende Mitarbeiter und setzen Themen über Twitter und TV-Interviews.
Die 1000 mächtigsten Industrie-Manager Österreichs und was ihr Netzwerk mächtig macht.

Redaktion: Bernhard Fragner
  • Johann Marihart, 63 Agrana AG, Rang: 6
  • Wolfgang Anzengruber, 58 Verbund AG, Rang: 7
  • Wolfgang Hesoun, 54 Siemens AG, Rang: 5
  • Georg Kapsch, 55 Kapsch AG, Rang: 4
  • Brigitte Ederer, 58 ÖBB Holding AG, Rang: 8
  • Christian Kern, 48 ÖBB Holding AG, Rang: 1
  • Wolfgang Eder, 62 Voestalpine AG, Rang: 2

Der Sturz vollzog sich wie in Zeitlupe. Über Monate hinweg, von zahllosen Gerüchten begleitet und in eigentümlicher Halb-Öffentlichkeit. Als Mitte Oktober endlich offiziell wurde, dass OMV-Chef Gerhard Roiss sein Amt im kommenden Jahr abgeben muss, war niemand mehr überrascht. Über die Hintergründe der Demontage wurde und wird lustvoll spekuliert. Neben Erklärungen wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Art wurde vor allem ein Aspekt – ebenso öffentlich – immer wieder genannt: Roiss, so sagen viele, sei nicht zuletzt über seinen Führungsstil gestolpert. Schon lange ist vom vergifteten Betriebsklima in Österreichs Top-Unternehmen die Rede, vom beinharten Umgangston innerhalb der Chefetage und darüber hinaus. Gerhard Roiss gilt vielen als Manager, der persönliche Beziehungen im Job weder aufbauen will noch kann.

Beziehungs-Portfolios

Wer ist mächtig? Und wer bleibt es über lange Zeit? Netzwerk-Forscher Harald Katzmair, Gründer des Analyseinstituts FAS.research, erkennt hinter erfolgreichen Karrieren immer wieder das gleiche Prinzip: „Die langfristig Erfolgreichen verfügen über ein ausgeglichenes Beziehungs-Portfolio, über eine perfekt balancierte Mischung aus schnellem und langsamem Beziehungs-Kapital.“ Zu den schnellen Beziehungen zählt Katzmair etwa die täglichen Business-Begegnungen oder auch Verbindungen zu den Medien – die in Twitter ihre derzeit rasanteste Form finden. „Diese Beziehungen dienen dem Explorieren, dem Suchen und dem Entdecken von Neuem. Demgegenüber stehen die langsamen Beziehungen, die dem Leben buchstäblich einen Hintergrund geben, eine Homebase, die die Exploration des Neuen ermöglicht.“ Dazu gehören laut Katzmair etwa die Einbettung in zivilgesellschaftliche Communities oder auch Beziehungen in die Politik. Entscheidend dabei sei die Balance, denn „die schnellen Beziehungen neigen zum Ausbrennen, die langsamen zum Mumifizieren. Es ist also ein Portfolio von Geschwindigkeiten, die sich unterschiedlich schnell aufbauen und verbrauchen.“

Die Rangreihung

Summiert man zu diesem Bild der beruflichen und medialen Vernetzung den Umsatz, über den die Person anteilig verfügen kann, ergibt sich die Rangreihung der mächtigsten Industriemanager Österreichs, die INDUSTRIEMAGAZIN und FAS.research jährlich erarbeiten.

Eine Rangreihung, die kein persönliches Psychogramm darstellt. Alle Spitzenmanager, betont Katzmair, kennen diese Mechanismen und begreifen sie als Teil ihres Anforderungsprofils. Dennoch fällt etwa auf, dass das Portfolio von Gerhard Roiss nicht ausbalanciert wirkt. Seinen Spitzenplatz im Ranking verdankt er vor allem der im Vergleich gigantischen Umsatz-Dimension, die er repräsentiert. Ginge es allein danach, so führten drei OMV-Manager sowie ÖIAG-Vorstand Rudolf Kemler das Ranking an. In der Dimension „Vernetzung“ hingegen landet Roiss nicht unter den Top-Ten, was mit seinem Ruf, im persönlichen Umgang bisweilen schwierig zu sein, korrespondiert.

FAS.research schlüsselte auch in diesem Jahr die „langsamen“ und die „schnellen“ Faktoren im Beziehungs-Portfolio von Österreichs mächtigsten Industriemanagern auf. Die Details zu Methodik, Datenquellen und Berechnung des INDUSTRIEMAGAZIN-Rankings sowie die Tabelle der 1.000 mächtigsten Manager Österreichs finden Sie im dritten Teil („Die Rangreihung der 1.000“) dieser Serie. Exemplarisch sei an dieser Stelle das Beziehungsgeflecht von Top-Industriemanagern seziert, die in fast allen Dimensionen an der Spitze liegen.

Wolfgang Anzengruber

Wolfgang Anzengruber

Das ausbalancierteste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der Verbund AG, 58, hält Gesamtrang 7.

Das ausbalancierteste Netzwerk – Der Vorstandsvorsitzende der Verbund AG, 58, hält Gesamtrang 7. Wolfgang Anzengruber liegt in keiner Ranking-Dimension an der absoluten Spitze – aber in jeder einzelnen knapp darunter. Das extrem breit gefächerte Beziehungs-Portfolio des Verbund-Chefs kompensiert die Tatsache, dass er allein nach Umsätzen nur auf Rang 45 landete. Besonders stark ist Anzengrubers Vernetzung naturgemäß im Energiebereich: Neben seiner Hauptfunktion ist er Aufsichtsrats-Vorsitzender in zwei Tochtergesellschaften des Verbund. Hohe Ämter bei Oesterreichs Energie schaffen Zugang zu Energiepolitik, abgerundet durch einen Vorstandssitz in der Industriellenvereinigung. Spitzenfunktionen bei Austrian Mobile Power schlagen die Brücke in den Forschungsbereich, hinzu kommen die Mitgliedschaft im Kuratorium des Wirtschaftsforschungsinstituts und die Präsidentschaft im Verband der Freunde und Absolventen der TU Wien. Eine mächtige Achse in die Bauindustrie bildet der Aufsichtsratssitz in der Palfinger AG. Und: Wolfgang Anzengruber ist Vorstand zweier Institutionen, die als absolute Netzwerk-Knoten gelten können. Als Vorstand der Deutschen Handelskammer in Österreich und der Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Nationalbibliothek trifft der Verbund-Chef auf eine beachtliche Zahl an Entscheidern aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Medien. Engagements bei Rotary und Cartellverband runden schließlich das zivilgesellschaftliche Portfolio ab. „Macht, die sich abschottet, kann sich nicht erneuern“, sagt Harald Katzmair, „und die Erneuerung des Potenzials funktioniert nur über Netzwerke.“ Wolfgang Anzengrubers Netzwerk ist die gelebte Antithese zu Abschottung.

Johann Marihart

Johann Marihart

Das stärkste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der Agrana AG, 63, hält Gesamtrang 5.

Erfolgreiche Netzwerke, sagt Harald Katzmair, basieren auf drei Komponenten: einem Anliegen (was mehr ist als nur ein Ziel), unterschiedlichen Taktraten und Komplementarität. Wie so etwas aussehen kann, zeigt ein Mann seit Jahren in Perfektion. Die Vernetzung des Agrana-Chefs Johann Marihart ist atemberaubend, der 63-Jährige führt diese Dimension des Rankings einsam und alleine an. Zu Vorstands- und Aufsichtsrats-Posten in der (Raiffeisen-Tochter) Agrana und deren verbundenen Unternehmen sowie der Ottakringer AG und der Bundesbeschaffung GmbH kommen starke wirtschaftspolitische Verbindungen: Johann Marihart bekleidet führende Positionen in der IV Niederösterreich, dem Club Niederösterreich und der Wirtschaftskammer sowie der Deutschen Handelskammer in Österreich und der Österreichisch-Französischen Handelskammer. Außergewöhnlich stark sind Mariharts Verbindungen auch in den Forschungsbereich: Er sitzt in den Führungsgremien der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, der Akademie der Wissenschaften, der Forschungsförderungsgesellschaft, der Alumni-Verbindung der TU Wien sowie des TÜV. Johann Marihart gehört zu jenen Top-Managern, deren persönlicher Ruf mit ihrem Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen perfekt korrespondiert. Stellvertretend für zahlreiche soziale Engagements seien hier der Vorstandsposten im Ökosozialen Forum Österreich genannt sowie die Tatsache, dass Marihart Stifter in der gemeinnützigen Privatstiftung „Nein zu Arm und Krank“ ist.

Georg Kapsch

Georg Kapsch

Das kontrollierteste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der Kapsch AG, 55, belegt Gesamtrang 4.

Für Georg Kapsch gilt, was für alle Top-Platzierten des INDUSTRIEMAGAZIN-Rankings gilt: Ihre Beziehungs-Portfolios sind äußerst breit. Doch in der Dimension „Aufsichtsräte“ stechen sie alle anderen aus. IV-Präsident Georg Kapsch kontrolliert als Vorsitzender des Aufsichtsrats die Kapsch CarrierCom und sitzt in den Kontrollgremien der Kapsch BusinessCom und der Teufelberger Holding. Neben dem Vorstandsvorsitz in der Kapsch AG und der Kapsch TrafficCom ist er in die Führung der Datax GmbH, der Ferdinand Richter GmbH und der Shoe & Shirt-Gruppe involviert. Er ist Stifter beziehungsweise Vorstand zweier Privatstiftungen, sitzt im Vorstand der FH Technikum Wien, im Präsidium des WIFO, ist Gründungsmitglied der „Wissensfabrik“ und Vorstand des Vereins Wirtschaft für Integration. Wenn dann noch Zeit bleibt, engagiert sich Kapsch im Beirat von „Österreichisch Türkische Zusammenarbeit“ oder auch im Kuratorium des Natur & Jagdmuseums Mariazell.

Als Großmeister in Sachen Aufsichtsräte erweist sich im Ranking übrigens einmal mehr Kapsch-Vorgänger in der Industriellenvereinigung Veit Sorger (Gesamtrang: 9). Er leitet die Kontrollgremien von Constantia Industries, Mondi AG, Mondi Frantschach GmbH und Semperit AG und sitzt darüber hinaus im Aufsichtsrat von Binder & Co, Greco International, Lenzing und Mondi Services. Für Vernetzung in die Sphäre der Wissenschaft sorgen der Beiratssitz im Kuratorium zur Förderung der WU und der Vorsitz im Universitätsrat der TU Wien. Veit Sorger ist darüber hinaus Vorstand der Erwin Soravia Privatstiftung auch des Verbandes Österreichischer Privatstiftungen.

Wolfgang Eder

Wolfgang Eder

Das globalste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der Voestalpine AG, 62, belegt Gesamtrang 2.

Dass Wolfgang Eder für das Amt des Präsidenten des Weltstahlverbandes kandidieren würde, war für die meisten seit seinem Rücktritt als Chef des (weitaus einflußreicheren) europäischen Stahlverbandes klar. Agendasetting und politische Kommunikation abseits des provinziellen heimischen Polittheaters machen dem Mann, dem einst eine gewisse Menschenscheu nachgesagt wurde, viel zu viel Spaß. Immerhin: Der 62-jährige Vorstandsvorsitzende der Voestalpine AG hat im vergangenen Jahrzehnt das Kunststück vollbracht, den Stahlkocher auch jenseits der Enns zum Sympathieunternehmen zu machen – und das hat vor allem mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun. Im Ranking schlägt sich dies mit einem Spitzenplatz in der Medien-Dimension nieder. Stark ist allerdings auch Wolfgang Eders Wert bei den Wirtschaftsverbänden: Hier führt er gemeinsam mit Agrana-Chef Marihart das Feld an. Wolfgang Eder bekleidet neben unterschiedlichen Führungspositionen in der Voestalpine-Welt sowie einem Aufsichtsratssitz in der Oberbank AG den Posten eines Vizepräsidenten in der mächtigen IV Oberösterreich. Könnten in unserer Analyse auch die Verflechtung mit ausländischen Netzwerken Berücksichtigung finden, wäre Eders unangefochtene Nummer Eins: Seit Oktober leitet der Mann, der einst für Eurofer in Brüssel die Stimme der Industrie erhob, den Weltstahlverband.

Wolfgang Hesoun

Wolfgang Hesoun

Das sozialste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, 54, belegt Gesamtrang 5.

Das sozialste Netzwerk – Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, 54, belegt Gesamtrang 5. Von den 1.000 Industrie-Managern, die im aktuellen Ranking gelistet sind, schafft ein einziger den Höchstwert von 10,0 in der Dimension „Clubs, Vereine, F&E“. Zwar verfügt Wolfgang Hesoun natürlich über eine ganze Reihe an Vorstands- und Aufsichtsratspositionen in Unternehmen (Siemens AG, Siemens VAI, Wiener Städtische, Atos IT) – doch noch beeindruckender sind seine Engagements, die ihn mit Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung vernetzen.

Die Deutsche Handelskammer in Österreich, die IV Wien, das Vienna Economic Forum, der Wiener Wirtschaftsklub, die WKÖ-Sparte Industrie: Überall ist Hesoun führend involviert. Hinzu kommen Vorstandsfunktionen in der FH Campus Wien, der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, dem Verein Wirtschaft für Integration – aber auch bei den Freunden der Albertina. Und auch Wolfgang Hesoun ist Vorstand beziehungsweise Präsident zweier notorischer Gravitationszentren der heimischen Industrie- und Wirtschaftsszene: Seine verbandsmäßige Freundschaft zur Österreichischen Nationalbibliothek sowie zu Ephesos verbindet ihn mit vielen der mächtigsten Entscheider.

Christian Kern Brigitte Ederer

Christian Kern & Brigitte Ederer

Das politischste Netzwerk

Der Vorstandsvorsitzende der ÖBB-Holding AG, 48, belegt Gesamtrang 1.

Die Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB-Holding AG, belegt Gesamtrang 8.

Christian Kern und Brigitte Ederer verbindet mehr als ihre Spitzenposition. Der Vorstandsvorsitzende und seine Chefaufseherin haben einen starken politischen Hintergrund, und beide mussten (übrigens ganz im Gegensatz zu Kollegen aus dem konservativen Lager) lange gegen das Vorurteil ankämpfen, diese Herkunft habe sie in ihre Ämter gespült. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie diese Punzierung längst abgeworfen haben. Die Nummer Eins und die Nummer Acht des diesjährigen INDUSTRIEMAGAZIN-Rankings verfügen über das klassische breite Portfolio, die balancierte Mischung aus schnellen und langsamen Beziehungen aller Spitzenmanager – besonders stark sind jedoch ihre Werte in der Dimension Medien. Bei Brigitte Ederer wirken hier noch ihre politische und ihre Siemens-Vergangenheit nach, und in beiden Fällen gilt, dass die ÖBB nun einmal auch massenmedial ein Dauerthema sind. Doch richtig ist auch: Beide betreiben eine ebenso stringente wie professionelle Medienarbeit. Darüber hinaus sind ihre Beziehungs-Portfolios eindrucksvoll. Christian Kern sitzt in nicht weniger als acht Aufsichtsräten, ist Vorstand der IV Wien und der Österreichischen Energieagentur sowie des Verbandes der Öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs.

Brigitte Ederer bringt es auf sechs Aufsichtsrats-Sitze (darunter Schoeller-Bleckmann oder Boehringer Ingelheim), ist Mitglied der Spartenkonferenz der WKÖ-Industrie und hat Sitz und Stimme im Board des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden ÖBB-Spitzen: Beide sind Kuratoriums-Mitglieder des FK Austria Wien – ein nicht zu vernachlässigen – der Netzwerkknoten im heimischen Wirtschafts-Gefüge.

Und auch, wenn Spitzenmanagerinnen wie Brigitte Ederer zu Recht not amused sind, wenn man sie auf ihre Rolle als „erfolgreiche Frau“ anspricht: Erwähnt sei an dieser Stelle ein weniger erfreuliches Ergebnis des aktuellen Rankings. Unter den 1.000 Top-Führungskräften der heimischen Industrie finden sich heuer (auch aufgrund leicht geänderter Kriterien) nur noch beschämende 53 weibliche Personen (2013: 81). Davon bekleiden 47 Frauen Vorstandspositionen – das sind immerhin um fünf mehr als im Vorjahr.

„Europas einzige Chance“

Netzwerk-Theoretiker Harald Katzmair, Gründer von FAS.research, über die Folgen der amerikanischen Netzwerkökonomie – und die Frage, was Europa ihr entgegenzusetzen hat.

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Katzmair, steigt der Druck auf die klassischen Netzwerke?

Harald Katzmair: Ja. Die Menschen haben immer weniger Zeit, ihre Netzwerke zu leben. Die diversifizierten Beziehungs-Portfolios nehmen ab, und das geht in erster Linie auf Kosten der „langsamen“ Beziehungen. Doch diese Beschleunigung verbraucht die Menschen, da sie sich nicht regenerieren können. Wir erleben also eine Krise der Erneuerungsfähigkeit, und dies hat ausschließlich mit dem Druck zu tun, ständig performen zu müssen. Es ist ein Prozess der Auflösung, der mit jedem Old Player, der das Spielfeld verlässt, sichtbarer wird.

Ist Besserung in Sicht?

Katzmair: Der Konflikt wird eher schlimmer: Je stärker sich die Wirtschaft internationalisiert, desto weniger können einem die klassischen Netzwerke im Sinne ihrer Nützlichkeit helfen. Gleichzeitig bräuchte man sie aber immer dringender, um sein Potenzial zu erneuern.

Inwiefern hat das mit Internationalisierung zu tun?

Katzmair: Wir haben es vor allem in den USA längst nicht mehr mit Unternehmen zu tun, sondern mit Plattformen. Ob Automobilindustrie, IT oder Biotechnologien – überall gibt es nur noch „Ecosystems“. Uber verkauft ja keine Taxifahrten, die verkaufen Logistik. Google hat in England als Versuchsballon die erste Google-Versicherung gestartet. Alles entwickelt sich in diese Richtung, und Europa muss sich dringend fragen: Teil welcher Plattformen sind wir eigentlich? Das setzt allerdings ein anderes Denken voraus, und das kann man im Silicon Valley wirklich lernen. Es ist nicht angenehm, dort zu arbeiten, aber es ist gleichzeitig wunderbar, um sich inspirieren zu lassen. Ein Gespräch wie dieses würden wir dort allerdings nicht führen – das ist schon sehr europäisch.

Und diese Plattformen machen solchen Druck?

Katzmair: Bevor die Europäer die amerikanischen Ureinwohner massakrierten, starben die schon an den Pocken, die wir ihnen geschickt hatten. Die Ubers und die Google-Versicherungen haben uns die schnellen Zyklen und die Transparenz vorausgeschickt, die die langsamen Institutionen immer weiter destrukturieren. Nokia-CEO Stephen Elop hat das genau erkannt, als er sagte, „It´s not a Battle of Devices, it´s a War of Ecosystems“.

Wo steht denn Europa in Ihren Augen?

Katzmair: Wir haben kein GPS, keine Suchmaschine, kein Betriebssystem, keine einzige Plattform-Technologie in diesem schnellen Bereich. Wir haben im Grunde kein einziges europäisches Ecosystem mehr. Höchstens Inseln. Das ist auch Folge eines totalen Versagens unserer Netzwerke. Wir haben nicht verstanden und komplett unterschätzt, wie schnell und aggressiv diese Netzwerkökonomie beansprucht, die einzige gültige Form zu sein, wie Wirtschaft in Zukunft aussehen soll. Und dieser Anspruch wird ja durchaus gestellt. Die Ist-Beschreibung ist zugleich eine Soll-Beschreibung, und zwar immer mit dem Subtext: Wenn du nicht mithältst, bist du tot. Das ist dunkel. Das Soll ist keine moralische Kategorie mehr, sondern eine Todesdrohung.

Mit einem haben die Googles dieser Welt aber natürlich Recht: Man muss in Termini eines Ökosystems denken. Wir Europäer sprechen dagegen immer von Exzellenz und von Leuchtturm-Projekten. Das ist ja überhaupt eine besonders dumme Metapher: Leuchttürme sind bekanntlich genau die Orte, von denen man sich fernhalten muss.

Aber gegen Exzellenz haben Sie doch nicht wirklich etwas einzuwenden?

Katzmair: Natürlich nicht, solange man nicht vergisst, dass es die Besten nur gibt, weil sie genährt werden. Bayern München existiert nur, weil ganz Europa Spieler für sie ausbildet. Falco gab es nur dank Drahdiwaberl. Zentren existieren nur, weil es die Peripherie gibt. Nur haben sie die Tendenz, alles aufzusaugen und dann zu vergessen, dass es die Peripherie überhaupt gibt. Das ist wie bei einem narzisstischen Menschen.

Ist man denn ein Verlierer, wenn man im Waldviertel lebt und nicht in Mountain View? Wenn wir wirklich eine europäische Entwicklungs-Agenda schaffen wollen, dann müssen wir – im übertragenen Sinne – auch dem Waldviertel Wertschätzung entgegenbringen und Entwicklungsprozesse erkennen, die eben nur dort möglich sind und nicht im Silicon Valley. Wir müssten schon längst über ein europäisches Netz nachdenken, das von vorneherein Logistik-, Energie- und Informations-Netzwerke vereint. Doch während wir globalen Oligopolen gegenüberstehen, leisten wir uns ein Wettbewerbsrecht, das Kooperationen verhindert.

Sehen Sie ein solches europäisches Projekt entstehen?

Katzmair: Derzeit noch nicht, aber ich halte es für die einzige Chance, die Europa hat. Und es ist auch zu schaffen: auf der Basis einer großen Erfahrung im Vernetzen schneller und langsamer Beziehungen. Das spiegelt sich etwa in der Struktur unserer Städte – im Unterschied zu den USA haben wir neben Metropolen und dem Land noch „Mid Scale Cities“. Es spiegelt sich auch in der mittelständischen Struktur der Wirtschaft, die eine enorme Resilienz schafft.

Und ich meine, wir sollten auch darüber nachdenken, wann bei all den großen europäischen Projekten eigentlich der Faden gerissen ist: die Renaissance, die Aufklärung, der Humanismus, das europäische Städte-Netzwerk als Herz des Erwachens Europas. Das alles ist den Menschen im Silicon Valley völlig egal – in meinen Augen ist es aber unser europäischer USP. Wir müssen Netzwerke ausbilden, die das enorme Tempo der Netzwerkökonomie mit den langsamen Zyklen der europäischen Geschichte verbinden. Sonst werden wir orientierungslos bleiben.